11 Waterland Trio

Fachmännisches Können, Schabernack und Überzeugung.

“Heerlen Jazzt”… ist los. Durch  das bunte Plakat bekommt man schon eine Ahnung: Heerlen prangt auf der Karte in Jazzland. Wer hatte das vor einigen Jahren für möglich gehalten? Heute Abend trotzt der frische Gewinner des Boy Edgar Preises, Pierre Courbois, die Staus in südlicher Richtung. Sobald er in sein Instrument “eingetaucht ist, wird er Chefkoch, Metzgermeister und Feinschmecker zugleich, wobei er mehr Schwung im kleinen Finger hat, als ein ganzes Tambourkorps zusammen trommeln kann.
Pierre Courbois’ Fahne weht gegen den Wind, sein Schiff donnert durch die Wellen, ein Stierkämpfer  versucht ein Huhn zu fangen, auf Deck wird gefeiert, der Mond lacht – denn hinten am Horizont ist die Sonne ins Wasser gefallen. Das ‚Waterland Trio’ rast über die Autobahn. Von Enschede nach Heerlen, von Terneuzen nach Den Helder. Pierre Courbois, auf den ersten Blick ein wackerer Trauerkloß mit viel Selbstspott, nimmt alle Gesetze auf den Arm. Es ist Karneval und Midnight zugleich, die Musik sondiert alle Ecken und Enden, spuckt Noten und lacht. Jeder ist Kapitän. Das Ende ist der Anfang, der Stierkämpfer erwischt das Huhn nie, die Arena des Glaspalastes wird eine Zirkuspiste und Soldat Schwejk schnürt die Senkel seines zornigen Vorgesetzten in Gegenwart der Truppe zu. Die musikalische Gewalt, die zu Dritt auf die Matte gelegt wird, verschlägt einem den Atem, gleich wie die Nuance die jeder Einzel bietet. Man muss da beistimmen, zwitschernd zieht der Hochschulsaxophonist Leo van Oostrom quer durch die Landschaft – von Piet Noordijk bis Willem Breuker.
Eine ur-holländische Jazzinterpretation – die „ aktuelle improvisierte Musik“ –  das war so etwas wie den Ofen anzünden und Pfeffernüsse streuen. Diese Drei reißen das Publikum mit. Clownesk, romantisch, unerschrocken. Nur so, von hyperkakophonisch bis bluesy introvertiert: die Besinnung des Pianisten Louk Dikker danach braucht man unbedingt. Verrückt und verrückt machend, liebevoll und unverschämt flitzen die Waterlanders zupfend, tutend und wirbelnd  den Tiergarten entlang. Das Restaurant mit Museumladen auf der fünften Etage schmeckt heute Abend nach Kunst. Musik, Urdroge. Assoziationen mit Filmszenen werden erweckt, jeder hat sein eigenes, musikalisch anschauliches Bericht. Pierre Courbois „überschlägt“ sich dabei selber nicht einmal: im Gegenteil, er ist der Chief in Command der das Trio wie eine katalanische Musikkapelle quer über die belebte Trafalgar Square führt. Stilvoll und voller Stil. Holländische Nüchternheit, coast tot coast, erwärmend, voll Überzeugung und Kraft. Tatsächlich das Allerschönste, sie haben selber auch Spaß daran und anscheinend sind sie angenehm überrascht mit der stürmischen Ovation. Indem die Routine trieft, wächst das Staunen. „Improvisieren ist in Töne fassen, was im Innern lebt“:  Pierre Courbois spielt schon 55 Jahre Schlagzeug aber da sprüht es noch vor Leben! Einmal Musikant, immer Musikant. Der Abend war, ist und wird ein Höhepunkt im Bestehen von Jazz On The Roof. Derjenige der den Jazz oder die Improvisation nicht mag, fliegt auf die Überzeugung dieses Mannes. Ein Konzert das klingt wie das Plakat, ein Comic, eine Bildergeschichte, Tim jazzt….in Heerlen.

Waterland Trio:
Leo van Oostrom – Sopran- und Alt Saxophon, Loek Dikker – Piano, Pierre Courbois – Drums.
© Jo Dautzenberg, media Profile BV. Übersetzung: Lejo Nijsten.