07 Trittleiter Fehltritt

Trittleiter mit eingebautem Fehltritt durch Remco Takken.
Übersetzung: Jochen Jess.

Jeder weiß, wie es sich anfühlt, wenn man eine Leitersprosse verfehlt. Für den Bruchteil einer Sekunde schwebt dein Fuß in der Luft, aber am Ende setzt er sicher auf festem Boden auf. Du erfährst nur diese leichte Verzögerung, aber ein delikates Gefühl von Verwirrung und Erregung schwingt durch deinen ganzen Körper. Es ist wie ein Jazzsaxofonsolo im 5/4 Takt: nach einigen vollkommen logischen Schritten scheint die Musik für eine kurze Weile still zu halten, um dann fortzufahren als sei nichts geschehen. Der Zuhörer verharrt verwirrt, gespannt, um nicht die Sprosse wieder zu verfehlen. Oh je, und da geht schon wieder los ……
Er scheint uns nicht natürlich, der fünfte Takt. Natürlich kennen und lieben wir alle “Take Five” von Paul Desmond mit dem Dave Brubeck Quartett. Für die Fans des klassischen Rock gibt es selbstverständlich “Living In The Past” von Jethro Tull. Und für die Fortgeschrittenen unter uns gibt es “Five-Five-Five” auf Frank Zappas Album “Shut up’n’Play Yer Guitar”. Aber keiner von uns hat eigentlich einen unmittelbaren Zugang zu diesem merkwürdigen 5/4 Takt, nicht so wie zum 4/4 Takt, den wir in allem wahrzunehmen glauben, ob es nun unser eigener Atem ist oder das Ticken eines kleinen Reiseweckers.
Nun gibt es in den Niederlanden einen Musiker, der es sich zur Lebensaufgabe gestellt hat, die Gesamtregion der ungeraden Metren zu erforschen. Pierre Courbois ist ein angesehener Europäischer Jazzdrummer mit soliden Wurzeln in der Tradition von Kenny Clarke und Max Roach.
Gleichzeitig hat er ein profundes Interesse an Europäischer, Indonesischer und Indischer klassischer Musik entwickelt. Courbois’ “Songbook in Five” enthält eine Ballade, einen Blues, Swingende “up-tempo” Themas mitt Improvisation, Riffs im Jazz-Rock Idiom und eine Nachschöpfung von Coltranes “Giant Steps”. Scheinbar geschieht nichts Ungewöhnliches in diesen Stücken – so jedenfalls empfindet man es, entspannt an der Bar stehend bei einem Glas Bier. Aber Vorsicht: die rhythmische Skala dieser Ballade hat einen eingebauten Extraschlag. Monk Award Preisträger und Posaunist Ilja Reijngoud kennt das Geheimnis der unerwarteten Taktschläge in dieser Musik. Er läßt den Zuhörer im Ungewissen, nur um ihn oder sie auf dem Tanzparkett gehörig ins Schleudern zu bringen. Nicht nur der Zugposaunist will dich zum Straucheln bringen. Saxofonist Jasper Blom bläst dieser Musik sprühendes Leben ein, und er ist nur einer aus der langen Reihe von jungen Solotalenten aus den Gruppen von Courbois. Seit dem Weggang von Eric Vloeimans ist Trompeter Toon de Gouw Träger und Fundament der Bläsergruppe. Derweilen gibt sich die Rhythmusgruppe stoisch: Niko Langenhuijsen (Kontra-Baß) und Willem Kühne (Piano) wissen ganz genau was Bandchef Courbois mit dieser Musik im Schilde führt: in Fünfern, aber dann zu sechst.
Jedoch ist die Ballade mit eingebautem Fehltritt nur der Anfang. Warte mal, bis der Blues an die Reihe kommt. So wie Pierre Courbois’ “Fünf Viertel Sextett” diese Sache angeht, wird die Musikgeschichte gründlich auf den Kopf gestellt.
Früher (so will es die Allgemeinbildung) hatten die ersten Formen des Blues “ungefähr” zwölf Takte. Manche Musiker spielten einen extra Takt, wenn ihnen danach war, andere ließen einen weg! Manchmal trieb der Blues minutenlang auf einem einzigen Akkord weiter. Aber das ist noch nicht alles: gelegentlich wurde der langsame Blues auch nur näherungsweise im Viervierteltakt gespielt. Wenn ein Bluessänger mehr Raum brauchte, um einem klagenden Moment mehr Nachdruck zu verleihen, fügte er einfach eine Extraspanne Zeit hinzu.Es gibt wenig Aufhebens und ist doch wirkungsvoll, wenn man sich zugleich selbst auf Gitarre oder Piano begleitet.
So scheint es, als ob Langenhuijsen seine Baßlinien ein wenig dehnt, um den klagenden Charakter des Blues zu unterstreichen. Seinem langsamen Blues verleiht dies eine Spur mehr von der Trägheit, die so kennzeichnend ist für den Blues der Südstaten. Aber dies alles ist von Pierre Courbois geplant – es ist ein Kunstgriff, um der Trägheit des Blues ein neues Gewand zu verleihen. Doch gib Acht: ein Fünfvierteltakt ist nicht von Natur aus langsam und träge. In den schnellen Stücken geschieht das vollkommene Gegenteil. Flotte Akzente von Piano und Schlagzeug erzeugen eine leichtbeschwingte Bossa Nova Stimmung (Jequibau) oder guten alten Swing. Aber dann scheint die Platte eine Rille zu überspringen und du hörst unerwartet schon wieder den nächsten Takt. Wir sind nämlich nicht im Sechsachtel, nein, die Gruppe spielt eine kleine Note weniger, denn sie ist das Fünf Viertel Sechstett, nicht wahr?
Geh zum Arzt und versuche deine Hüften wieder in Ordnung zu bringen. Du magst einen Knoten in deinen Beinen und den Takt aus dem Ohr verloren haben, jetzt gilt es, Haltung zu bewahren und mit überzeugender Jazz-kennermiene bei der Sache zu bleiben.